Stellt euch vor, Wetzlar wird von einer fremden Macht überfallen und erobert. Die Eroberer klopfen an jede Haustür und zwingen die Bewohner, mit ihnen in ihr weit entferntes Land zu ziehen. Dort sollen sie unter fremder Aufsicht ein neues zu Hause finden.

Das ist den Bewohnern Jerusalems vor ungefähr 2.600 Jahren passiert. Sie schauen auf zu fremden Sternen und fragen sich, wann sie wieder zurückkehren dürfen in ihre wahre Heimat. Wird es Monate dauern oder gar Jahre?

Während sie noch darüber grübeln, ergeht folgendes Wort des Herrn durch den Propheten Jeremia an die Juden im Exil:

Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn; denn wenn´s ihr wohlgeht, so geht´s auch euch wohl. (Jeremia 29,7)

Das ist nicht das, was sie hören wollten. Jeremia ent-täuscht sie. Buchstäblich. Er nimmt die Täuschung von ihnen, der sie geglaubt haben. Sie sollen sich häuslich einrichten, Häuser bauen, Gärten pflanzen, heiraten und Kinder kriegen, weil sie an diesem fremden Ort sehr lange bleiben werden.

Es ist interessant, dass dieser Vers für Oktober der Monatsspruch ist, denn unsere Situation ist nicht unähnlich der vor 2.600 Jahren. Wir glaubten, die Einschränkungen des gemeinschaftlichen Lebens wären nur eine kurze Episode, die das Frühjahr beherrscht, vielleicht noch den Sommer. Aber wir müssen uns darauf einstellen, dass die Einschränkungen uns noch Monate, vielleicht sogar Jahre begleiten werden. Wir müssen uns häuslich einrichten in dieser neuen und bedrohlicher gewordenen Welt, in der jederzeit jeden die Krankheit treffen kann.

Es ist unpopulär was Jeremia zu seinen Landsleuten sagt, aber sie haben seine Worte beherzigt, wie die Geschichte zeigt. Sie haben in der Fremde Wurzeln geschlagen. Bis heute staunen die Kulturhistoriker, dass es den Juden im Exil gelungen ist, ihre eigene Identität zu bewahren. In dieser krisenhaften Zeit haben sie einen ganz neuen Zugang zu Gott gefunden, ohne den Tempel als Mittelpunkt und Wohnort Gottes. Die Krise hat Veränderungen möglich gemacht, die in dem ruhigen und geordneten Leben Jerusalems nicht denkbar gewesen wären.

Suchet der Stadt Bestes. Diese Aufforderung Jeremias können wir für uns heute übersetzen, diese Krise aktiv anzugehen. Statt uns ängstlich zurückzuziehen, können wir das Leben bejahen. Gott offenbart sich plötzlich nicht nur im Gottesdienst vor Ort, sondern im Livestream am Bildschirm. Vielleicht wird Reich Gottes sichtbar, weil man das Telefon wieder häufiger benutzt und mit Leuten spricht, die man seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Plötzlich lernt man ganz neue Leute im virtuellen Gesprächsraum kennen. Hoffentlich gewinnen wir eine neue Tiefe zu leben angesichts der „neuen Normalität“. Ich wünsche es uns.

Hier ist auch die Antwort nach dem Warum und Wozu: Wir sind hier, um miteinander zu staunen über die Unverwechselbarkeit des anderen. Um einander zu sagen, wie wunderbar wir gemacht sind.

Aus diesem Grund glauben wir an Gott, die Liebe selbst, bedingungslos und ohne Einschränkungen. Unser Text hat ihn als Adressaten, der über das staunt, was da ist. Sein Blick allein macht aus den Milliarden Tropfen im Ozean Menschen, wertvoll, großartig, einzigartig. Würde es unsere Seele, also die Tiefe unseres Selbst es doch erkennen.

Vernetzt im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) in Deutschland K.d.ö.R.

Wir sind Mitglied im Bund Evangelisch Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland K.d.ö.R.